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Frauensport im 19. Jahrhundert: Die Etikette verletzt und die Gesundheit gefährdet

NZZ vom 16.4.00

Frauensport galt einst als Gefahr für die Moral, die weibliche Schönheit und die Gesundheit

«Haltung bewahren» - an dieses oberste Gebot hielt sich im 19. Jahrhundert jede Dame, die ihren Ruf nicht ruinieren wollte. Frauen mussten stets aufrecht gehen, durften niemals ihre Balance verlieren oder ihre Würde durch «unweibliches» Verhalten aufs Spiel setzen. Einer besonders strengen Etikette waren die Frauen im viktorianischen England ausgesetzt, aber gerade diese Frauen waren es, die sich als erste von der Sportbegeisterung der Männer anstecken liessen. Als sie es wagten, sich sportlich zu betätigen, ahnte wohl noch keine von ihnen, in welchem Ausmass sie damit zur Frauenemanzipation beitragen würden. Bis anhin hatte sich die Aufgabe der Mittelklasse- und Oberschichtsdamen darauf beschränkt, die weibliche Schönheit zu repräsentieren und Kinder zu gebären. Gleichzeitig wurden sie von den Männern als zarte Wesen mit einer delikaten Konstitution verehrt, und ihre angebliche körperliche Schwäche galt als Attribut ihrer Vornehmheit.

«Sport macht unfruchtbar!»

Die körperliche Betätigung von Frauen, wie beispielsweise das Rennen, wurde von der Gesellschaft nicht nur als roh und unästhetisch, sondern auch als gesundheitsschädigend angesehen; so warnten medizinische Ratgeber davor, zu starke Erschütterungen könnten die weiblichen Fortpflanzungsorgane funktionsuntüchtig machen. Ein weiteres «medizinisches» Argument gegen den Frauensport war die Kurzatmigkeit der Frauen und ihre Neigung zu Ohnmachtsanfällen. Auf die Idee, dass das meistens zu eng geschnürte Korsett die Ursache für das häufige Kollabieren der Frauen war, kamen erst einige wenige kritische Zeitgenossen. Als die Turnlehrerin der North London Collegiate School 1878 ihre Schülerinnen wenigstens während der Gymnastikstunden vom Korsett befreien wollte, empörten sich die Eltern der höheren Töchter derart, dass man von diesem Vorhaben abkam.

Leichte Gymnastik war eine Leibesübung, die von der Gesellschaft nicht verteufelt, sondern mit der Zeit sogar toleriert wurde. Dasselbe galt für das Fechten und das Bogenschiessen - beides ruhige und vornehme Betätigungen, die der Würde einer Dame nicht schadeten, sondern eine gute Haltung förderten. Privilegierte Viktorianerinnen durften auch ausreiten, denn Mediziner hatten herausgefunden, dass der Reitsport präventiv gegen Krankheiten wie Blutarmut, Bleichsucht und Hysterie wirke. Undenkbar für Frauen war es jedoch, an einer kräftezehrenden Treibjagd teilzunehmen - dadurch hätten sie ihre Damenhaftigkeit aufs Spiel gesetzt. Donald Walker, der in seinem 1836 publizierten Handbuch «Physical Exercises for Ladies» nur zu einer mässigen Körperertüchtigung riet, beurteilte den Reitsport für Frauen als besonders ungeeignet.

Reiten verrohe die Stimme und den Teint, gab er zu bedenken, verleihe männliches Gebaren und verdrehe den Körper im obligaten Damensattel auf höchst unnatürliche Weise. Tatsächlich war das Reiten zu jener Zeit nicht ungefährlich, denn eine standesgemäss gekleidete Dame hoch zu Ross trug ein elegantes Reitkostüm mit überlangem Rock, der sich häufig in Hindernissen verfing. Um 1880 schmückten sich die modebewussten Damen zusätzlich mit einem grossen künstlichen Haarteil, dem Chignon, der neben dem obligaten steifen Zylinder mit langen Nadeln am echten Haar befestigt wurde. Die Haarnadeln drückten nicht nur auf den Kopf, sondern konnten bei einem Sturz zu lebensgefährlichen Verletzungen führen.

Als weniger gefährlich wurde das Eislaufen eingestuft, das Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa immer beliebter wurde und dem eine heilende Wirkung gegenüber weiblicher Nervosität nachgesagt wurde. Aber auch hier war Vorsicht geboten: Es drohte stets die gefürchtete Blamage eines Sturzes, und die behüteten jungen Mädchen mussten auch auf dem Eis Zurückhaltung üben und durften keinesfalls herumtoben. Der englische Benimm-Ratgeber «Girls» mahnt 1881: «Auch wenn es mit den Knaben spielt, so darf ein blütenhaft junges englisches Mädchen sich doch niemals knabenhaft wie eben diese aufführen.» Etikette und Anstand bewahrten auch die reichen Engländerinnen, die Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit ihren Landsmännern die Freuden des Skifahrens in den Schweizer Alpen entdeckten. Um nirgendwo anzuecken, trugen die Skifahrerinnen jedoch ihre Alltagskleidung und fuhren mit wehenden Röcken, die selbstverständlich bis hinunter zu den Knöcheln reichten, die Hügel hinunter.

Schwimmen mit Strümpfen und Sandalen

Gegen grössere Widerstände mussten zur selben Zeit die viktorianischen Frauen kämpfen, die dem Schwimmsport frönen wollten. Eine vierzehnjährige Engländerin, die 1875 eine fünf Meilen lange Strecke in der Themse schwimmend zurücklegte, bewies zwar, dass Frauen durchaus zu sportlichen Leistungen im Wasser fähig waren. Ein Leitfaden für Schwimmerinnen aus demselben Jahr warnt jedoch vor dem Schock des ersten Eintauchens ins kühle Wasser: «Dieses Schreckerlebnis zieht für die Nerven der Frauen häufig irreparable Schäden nach sich.» Schwierigkeiten, an der Wasseroberfläche zu bleiben, dürften jedoch vor allem die Badekostüme mit den reichhaltigen Rüschen und Puffärmeln verursacht haben, zu denen auch im Wasser Seidenstrümpfe und Sandaletten getragen wurden.

In Anbetracht der aufwendigen viktorianischen Kleidermode, die der Trägerin möglichst wenig Bewegungsfreiheit liess, erstaunt es, dass die Frauen von einer weiteren Sport-Passion, dem Tennisspielen, erfasst wurden und sich durch nichts davon abhalten liessen. Weder durch die eng geschnürten Korsette noch durch die steifen Stehkragen, die bei jeder Bewegung den Hals wund scheuerten. Grössere Sorgen machten sich die Mitmenschen um das gute Aussehen der Tennisspielerinnen, wie ein Schönheitsbuch von 1885 festhält: «Ohne Handschuhe ist nun einmal die Schönheit der Hände im Handumdrehen ruiniert.» Für einen Skandal sorgte 1905 die amerikanische Tennisspielerin May Sutton, als sie sich erlaubte, am Turnier in Wimbledon ihre Ärmel hochzukrempeln.

Groteske Warnungen vor dem Fahrrad

Schliesslich war es das Fahrrad, das die Frauen nach anfänglichem Widerstand der Öffentlichkeit ein gutes Stück weit auf ihrem Weg in die Emanzipation begleitete und sie von vielen gesellschaftlichen Zwängen befreite. Als um 1870 in England die ersten kurbelbetriebenen Zweiräder auftauchten, mussten sich die Damen als Knaben verkleiden, um sie auszuprobieren. Es dauerte noch gut fünfzehn Jahre, bis die ersten Frauen sich trauten, alleine durch die Strassen zu radeln: Sie waren als «wilde women» verschrieen und mussten üble Beschimpfungen von Passanten über sich ergehen lassen. Einmal mehr waren es die Mediziner, die die Frauen vor den Gefahren des Radfahrens warnten - mit Argumenten, die heute schlicht grotesk klingen. Die «Deutsche Medizinische Wochenschrift» aus dem Jahr 1896 behauptete, dass «kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie sie beim Radfahren sich darbietet.» Um solchen gefährlichen Neigungen vorzubeugen, entwickelte man einen extra flachen Sattel. Ob die Erfindung den Männerphantasien ein Ende bereitet hat, ist nicht bekannt.

Vom Frauensport zum Leistungssport

Dafür setzte das Fahrrad bei den Frauen zu einem Siegeszug an, der nicht mehr aufzuhalten war. Zwar mussten sich die Radfahrerinnen wiederum mit den unzweckmässigen Röcken herumschlagen, und sie lieferten sich mit den viel praktischeren Pluderhosen, die auf den Markt kamen, dem Gespött der Leute aus. Aber als selbst Queen Victoria ihren zwei Enkelinnen Fahrräder schenkte, verbesserte sich das Image des Radsports, und die Zahl der radelnden Damen stieg sprunghaft an.

Nach der Jahrhundertwende wurden die Fahrräder so preisgünstig, dass damit auch Arbeiterinnen und Dienstbotinnen zu ihrem Arbeitsort radeln konnten. Um die Sittlichkeit von jungen Frauen auf Radtouren nicht zu gefährden, wurden sie zu Beginn noch von Anstandsdamen begleitet, aber die Radlerinnen hatten mit dem neumodischen Sport ihre Unabhängigkeit entdeckt und genossen die neu erworbene Freiheit. Trotzdem war es noch ein weiter Weg, bis der Frauensport auch als Leistungssport anerkannt wurde. An den ersten neuzeitlichen Olympischen Spielen 1896 nahmen keine Frauen teil, sie wurden erst 1928 zugelassen. 1996 machten die Frauen an den Olympischen Spielen einen Drittel der teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler aus - die Tendenz ist steigend.

Text: Susanne Wagner Illustration: Anna Luchs
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